Literaturszene Liechtenstein

Vielfalt und Beliebigkeit

Eine Liechtensteiner Literaturgeschichte

So übersichtlich das Land Liechtenstein ist, so überschaubar präsentiert sich seine Literaturszene. Im Folgenden soll ein Kompendium des liechtensteinischen Schrifttums geboten werden.

Die liechtensteinische Literatur nimmt ihren Anfang im Spätmittelalter, genauer gesagt im 13. Jahrhundert, als Heinrich von Frauenberg (12571314) Besitzer der Burg Gutenberg in Balzers war. Jener Ritter, Raufbold und Haudegen versuchte sich auch erfolgreich auf dem Gebiet des Minnesangs: Fünf seiner Gedichte sind im ›Codex Manesse‹, der berühmten Heidelberger Liederhandschrift, verewigt.

Aber bereits mit diesem ersten Beispiel eines »liechtensteinischen« Literaten müssen wir uns der Problematik solcher Kategorisierung bewusst werden. Kann man Heinrich von Frauenberg zu den liechtensteinischen Schreibenden zählen, bloß weil er im Gebiet des heutigen Fürstentums lebte, welches es damals noch nicht gab? Sein Werk weist keine inhaltlichen Bezüge zur Region auf. Wann also wird man zur Liechtensteiner Autorin, zum Liechtensteiner Autor?

Durchstöbert man den Onlinekatalog der Landesbibliothek in Vaduz nach Liechtensteinensien, so fällt auf, dass die Bibliothekare ersucht sind, alles mit einem noch so kleinen Liechtensteinbezug einzuverleiben. Was aber soll in diesem Abriss und auf dieser Website der Liechtenstein-Literatur zugeordnet werden? Etwa Autoren wie der legendäre Curt Goetz und der erfolgreiche C. C. Bergius, die sich lediglich kurzzeitig im Land niederließen, aber nie darüber schrieben? Oder Autoren wie Friedrich Dürrenmatt und Paul Callico, die das Land literarisch verewigten, aber nicht bzw. nur vorübergehend hier gelebt haben? Macht einen die Geburt zum liechtensteinischen Literaten? So gesehen, müsste man zum Beispiel Michael Donhauser, der in Liechtenstein aufwuchs, damals jedoch noch nicht als Bürger des Landes, den Status eines FL-Autors aberkennen. Es mag deshalb eine salomonische Entscheidung sein, das Schlaglicht einzig auf jene zu werfen, deren Schreib- oder Lebensmittelpunkt sich in Liechtenstein befindet.

Überspringen wir also Schreibende wie den Humanisten Simon Lemnius mit seinem Gedicht über ›Die Schlacht bei Triesen‹, Johann Wolfgang von Goethe mit seiner ›Italienischen Reise‹, die ihn unter anderem auch ins Ländle führte, oder auch Alexandre Dumas Père, der von einem Besuch in einem Vaduzer Gasthof zu berichten weiß, in dem es zu seinem Missvergnügen einzig Sauerkraut zu essen gab.

Wir gelangen zu Peter Kaiser (17931864), einem Historiker und Politiker, der im Revolutionsjahr 1848 als Abgeordneter für Liechtenstein in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt wurde. Mit seinem ›Lied am Feuer‹, datiert ca. auf das Jahr 1817, setzt die eigentliche liechtensteinische Dichtung ein. Kaiser war es auch, der 1847 eine ›Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein‹ verfasst und damit den Grundstein für die nationale Identität des Landes gelegt hat. Die Geburt eines Nationalbewusstseins ging einher mit der Ausformulierung Liechtensteiner Lobgesänge, wie sie bei Dr. Albert Schaedlers (18481922) ›Vaterlandshymne‹ und davor bei Jakob Josef Jauchs (18021859) ›Liechtensteinischer Volkshymne‹ zu finden sind. Die avancierte später – textlich leicht verändert – zur Nationalhymne und wurde bei der Eröffnung der Landesausstellung 1895 in Vaduz erstmals vor großem Publikum aufgeführt. Während die Frage nach der Herkunft, nach einem Gründungsmythos oder nationalen Epos in anderen Staaten teils bizarre Blüten trieb und sich die Schriftsteller der Jahrhundertwende mit l’art pour l’art beschäftigten und unter einer Sprachkrise litten, begnügte sich das Liechtensteiner Schrifttum – um Jens Dittmars These aus seiner literaturgeschichtlichen Zusammenfassung in ›Lyrik aus Liechtenstein‹ zu paraphrasieren – mit einem romantisch verklärten Blick in die Vergangenheit: Sagen, Legenden oder »Darstellungen über alte Sitten und Gebräuche«, wie es die Satzungen des in dieser Zeit gegründeten Historischen Vereins vorschrieben, hatten Hochkonjunktur.

Als nennenswerter Vertreter dieser Dichtung sei hier der Geistliche Johann Baptist Büchel (18531923) aufgeführt, der zu Lebzeiten mehr als 40 gedruckte Werke veröffentlicht und für seine kulturellen und politischen Verdienste die Titel ›Fürstlicher Rat‹ sowie ›Päpstlicher Hausprälat‹ verliehen bekommen hat. Zu seinen Büchern zählen unter anderem ein von Josef Gabriel Rheinberger vertonter Gedichtband, Reiseberichte aus Italien und Schottland sowie ein Festspiel zur 200-Jahr-Feier der Grafschaft Vaduz 1912.

Mit Hermine Rheinberger (18641932) betritt erstmals eine Frau die Bühne der Liechtensteiner Literaturszene. 1897 veröffentlichte sie den historischen Roman ›Gutenberg-Schalun‹, der akribische Recherche mit Stilmitteln des Trivialen mischt, aber durchwegs gute Kritiken erhielt. Eine schwere Erkrankung an Grippe-Encephalitis jedoch zog Katatonie und geistige Veränderung nach sich und ließ das literarische Talent der Patientin vor ihrer Zeit versiegen: Mehr als 30 Jahre ihres Lebens verbrachte sie in psychiatrischen Abteilungen oder Pflegeheimen.

Im Gegensatz zur Dramatik und Lyrik war die Epik in ihren Anfängen im Fürstentum eine reine Frauendomäne. Das nächste Werk mit liechtensteinischem Thema stammte jedoch von einer Deutschen, nämlich der im Westfälischen aufgewachsenen Maria Matthey, die unter dem Pseudonym Marianne Maidorf (1871?) erfolgreich Märchen, Liebesromane und Jugenderzählungen schrieb. 1908 verdichtete sie mehrere liechtensteinische Sagen zu ihrem wohl bekanntesten Roman, ›Die Hexe vom Triesnerberg‹, der im Verlag Orell Füssli erschien.

Bis 1950 und 1951, als der Erzählband ›Dorf meiner Kindheit‹ von Maria Grabher-Meyer (18981970) in zwei Auflagen erschien, setzte in der Prosa eine längere Pause ein. Die Schaanerin war als Mundartdichterin bereits durch Artikel zur Heimatkunde und Lesungen in Radio Vorarlberg bekannt geworden.

Die literarische Moderne hatte bis dahin einen Bogen um Liechtenstein gemacht, wo vorwiegend patriotische Heimat- und Dorfgedichte entstanden, welche die geistige Situation des Volkes widerspiegelten oder sich dem Vaterland und dem Landesherrn verpflichtet fühlten. Mundartprosa entstand erst ab den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. In der Nachkriegszeit besannen sich die liechtensteinischen Autorinnen und Autoren auf die dörflichen Dialekte, gaben Weinlyrik und Bergdichtung Raum zur Entfaltung. Mundart verwendete man als Gebrauchslyrik: Bei Hochzeiten, Empfängen und ähnlich gearteten Anlässen wirkten ihre Reime wie Schnitzelbänke, mit teils unbeholfenem, teils naivem Humor.

Die bedeutendsten Vertreter der Liechtensteiner Mundartliteratur sind Ida Ospelt-Amann (18991996) und Edwin Nutt (19221991). Erstere erlangte eine gewisse Bekanntheit mit Vorträgen ihrer Gedichte bei Bauern- und Winzerbällen, schließlich mit ihren Publikationen ›S’ Loob-Bett‹, ›S’ ischt Suusersunntig‹ und ›Di aalta Räder‹. Nutt gab 1955 einen Gedichtband mit schriftdeutschen Werken heraus; erst 1982 erschien mit ›Am Brunnen‹ ein Werk in Mundart. Von da an entwickelte sich Nutt zu einem äußerst produktiven Autor und brachte bis zu seinem Tod beinah jedes Jahr ein Buch heraus.

Als Antwort auf die Heimatdichtung stellte sich eine neue Generation von Lyrikerinnen und Lyrikern ein, und die Studentenbewegung schwappte über den Rhein. Die jungen Wilden kratzten am Bild der heilen Bergwelt, übten sich im Dadaismus und sorgten für Aufruhr auf den Bühnen, wie etwa das 1964 gegründete Kabarett Kaktus.

Wichtige Vertreter jener Aufbruchszeit sind Roberto Altmann (1942), Hans-Jörg Rheinberger (1946) und Evi Kliemand (1945). Charakteristisch für diese Generation ist ihre vielseitige Begabung: Altmann (der weniger als Literat wahrgenommen wurde, obgleich er im Kreis des Pariser Lettrismus mitwirkte) betätigte sich als Poet, Maler, Filmemacher, Bildhauer und Veranstalter diverser Kunstausstellungen; Rheinberger ist u. a. Molekularbiologe, Übersetzer, Essayist (›Von der Unendlichkeit der Ränder‹) und Dichter (›Vers Labor‹); Kliemand ist Schriftstellerin (›Blätterwerk IIII‹), Malerin und Publizistin. Mit ihren Gedichten, Sequenzen und Notizen erweist sie sich als Lyrikerin von sprachlicher Fülle und mit intensiven, anspruchsvollen Texten. Sie wurde u. a. ausgezeichnet mit dem Anerkennungspreis des Kulturbeirates der Fürstlichen Regierung, dem Grazer sowie dem Konstanzer Kunstpreis und dem Josef-Gabriel-Rheinberger-Preis.

Eine eigentliche Literaturszene Liechtensteins entstand in den 1970er-Jahren. Verdient darum machten sich vor allem Robert Allgäuer als Präsident des Kulturbeirates der Regierung und der Gymnasiallehrer und Publizist Manfred Schlapp, der am 1. April 1978 auf einen Vorschlag Paul Watzlawicks hin eine liechtensteinische Sektion des PEN-Clubs gründete. In der Folge dieses literarischen Aufbruchs nahm man unterschiedliche Namen in unterschiedlichem Ausmaß wahr.

Allen voran ist Michael Donhauser (1956) zu nennen, der in verschiedenen deutschen, schweizerischen und österreichischen Verlagen veröffentlichte. Machte Donhauser zu Beginn seines Schaffens mit Erzählungen wie ›Edgar‹ oder dem Roman ›Livia oder Die Reise‹ auf sich aufmerksam, so verlegte er sich im Lauf der Jahre mehr und mehr auf die Lyrik. Mehrere Auszeichnungen, darunter so bekannte wie der Ernst-Jandl-Preis, der Georg-Trakl-Preis oder der Meraner Lyrikpreis, zeugen von seinem erfolgreichen Schreiben.

Ebenfalls in den 1950er-Jahren geboren wurde eine Anzahl von noch teils heute aktiven Autorinnen und Autoren. Neben Evi Kliemand, der Doyenne der Liechtensteiner Literaten, tat sich Iren Nigg (1955) mit ihrer lyrischen Kurzprosa hervor. Seit Mitte der 1980er-Jahre erschienen ihre Werke in Zeitschriften aller vier deutschsprachigen Länder. Ihr Veröffentlichung, ›Man wortet sich die Orte selbst‹, ein Sammelband zumeist älterer Texte, wurde 2011 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.

Jens Dittmar (1950) war lange Zeit als Lektor und Herausgeber tätig. Wer sich mit Thomas Bernhard beschäftigt, stößt alsbald auf seine Thomas-Bernhard-Werkgeschichte, die seit 1981 als Standardwerk gilt. Auch seine ›Lyrik aus Liechtenstein‹ folgt dem dokumentarischen Prinzip; sie ist eine umfangreiche Anthologie mit lexikalischem Charakter und reicht von den Anfängen bis in die Gegenwart. Seit 2008 widmet er sich seinen eigenen literarischen Projekten. In einer anspielungsreichen Manier umkreist der Autor in ›Basils Welt‹ sein Generalthema, das Verhältnis von Sprache und institutioneller Wirklichkeit. Es folgten der Erzählband ›Als wär’s ein Stück Papier‹ und weitere Romane, zum Beispiel ›Sterben kann jeder‹, ›So kalt und schön‹ oder ›Baby Palazoles‹.

Von den Autoren der 1960er-Jahre ist der ausgebildete Künstler Stefan Sprenger (1962) anzuführen. Seine Veröffentlichungen – teils essayistische Betrachtungen wie in ›Katzengold‹, teils kürzere und längere Prosatexte wie in ›Vom Dröhnen‹ – nutzt der Autor oft, um politischen und sozialen Fragestellungen nach dem Finanzplatz Liechtenstein oder der Rolle des Fürstenhauses nachzugehen. Neuere Arbeiten nach dem Dialekt-Hörbuch ›Dr Hans und sini Bank‹ sind auch Dramentexte, so etwa ›Vandalin‹ und ›Rubel, Riet und Rock’n’Roll‹, das unter dem Titel ›Krötenarie‹ 2018 auch als Lesestück in gedruckter Form erschien. Als ehemaliges Mitglied des Stiftungsrates der Kulturstiftung Liechtenstein nahm er zudem lange Einfluss auf die heimische Literaturszene.

Der zweite in den 1960er-Jahren geborene Schreibende ist Mathias Ospelt (1963), ein aus der Liechtensteiner Kulturszene nicht wegzudenkender Kabarettist, Kolumnist, Übersetzer, Librettist und Autor. Dieser (übrigens ein Enkel Ida Ospelt-Amanns) verfasste mehrere Stücke zur älteren und jüngeren Geschichte Liechtenstein. Außerdem ist er Co-Veranstalter der biennal durchgeführten Liechtensteiner Literaturtage und Präsident des PEN-Clubs Liechtenstein. 2004 erschien der Erzählband ›Als Vaduz noch seinen Hafen hatte‹, 2007 der Band ›Das Liechtensteiner Gabarett. 19942006‹. Unter dem Titel ›Wege. Gänge.‹ folgte 2018 eine erweiterte Ausgabe seiner ersten Kurzgeschichtensammlung. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass in dem von Mathias Ospelt und einigen seiner Weggefährten initiierten Kleinkunsttheater Schlösslekeller eine junge Garde an Autorinnen und Autoren heranreift, die sich vorerst zwar nur zögerlich auf dem Feld der Literatur zeigen, von denen man aber in Zukunft gewiss noch viel hören wird.

Patrick Boltshauser (1972), der sich früh für eine Karriere am Theater entschied, ist der bislang einzige überregional erfolgreiche Dramatiker Liechtensteins. Einige seiner Stücke wurden im Bühnenverlag Kaiser veröffentlicht, viele wurden auf deutschen, österreichischen und Schweizer Bühnen gespielt und in allen drei Ländern mit Preisen ausgezeichnet. 2014 erschien sein Roman ›Rapids‹ als englische Erstausgabe.

Der in Zürich wohnhafte Schriftsteller Maurus Federspiel (1974) studierte Creative Writing in New York und war journalistisch tätig. 2013 erschien von ihm der Roman ›Feind‹, in welchem er gekonnt alptraumhafte Szenen aufgreift, die in ihrer Beschreibung an die Höllengemälde Pieter Brueghels des Älteren erinnern. Sprachlich virtuos zeichnet Federspiel ein Bild der inneren und äußeren Überspanntheit eines Menschen und seiner Umwelt. 2018 folgte beim Wiener Hollitzer Verlag der Erzählband ›Die Vollendung‹.

Unter dem Pseudonym Amelia Blackwood schreibt Mirjam Beijer-Studer (1976) an einer Reihe mit dem Titel ›Gebundene Herzen‹, die der Romantic Fantasy zuzuordnen ist und von dem in Reinheim ansässigen Sieben-Verlag herausgegeben wird. In ihren Geschichten geht es um Vampire, die in einer Art Subkultur unter uns Menschen leben, bis sie Gefahr laufen, entdeckt zu werden. Weitere Einzeltitel der Autorin sind Liebesromane wie ›Manhattan Heartbeat‹ oder ›Heart of A Warrior‹.

Der Schriftsteller Armin Öhri (1978), der aktuell im Gmeiner-Verlag veröffentlicht, widmet sich hauptsächlich historischen Stoffen. ›Die Entführung‹, eine Erzählung um den versuchten Menschenraub an einem jüdischen Brüderpaar im Liechtenstein der 1930er-Jahre, führte zu kontroversen Diskussionen in der Öffentlichkeit. In den Blickpunkt gerieten die vermeintliche Verdrängung der Geschichte, die Aufarbeitung historischer Begebenheiten und die Rolle der Medien sowie die Einflussnahme seitens der Politik. Mit Titeln wie ›Das Nachtvolk‹, ›Sinfonie des Todes‹ oder ›Professor Harpers Expedition‹ bedient Öhri die Bedürfnisse einer nach Spannungsliteratur verlangenden Leserschaft, und mit ›Liechtenstein – Roman einer Nation‹ schuf der Autor den ersten großen Roman über das Fürstentum. Bekannt und mehrfach ins Ausland übersetzt ist vor allem seine Kriminalromanreihe um den jungen Tatortzeichner Julius Bentheim, die vier Bände umfasst: ›Die dunkle Muse‹, ›Der Bund der Okkultisten‹, ›Die Dame im Schatten‹ und ›Das schwarze Herz‹. 2014 wurde Öhri der Literaturpreis der Europäischen Union verliehen. Neben seinem literarischen Schaffen engagiert er sich auch als Präsident der von ihm initiierten ›IG Wort – Autorenverband Liechtenstein‹ für die Literaturszene Liechtensteins.

Demselben Genre sind die Texte des ausgebildeten Flugzeugmechanikers und Linienpiloten Kurt J. Jaeger (1935) zuzuordnen. Seine jahrelangen Erfahrungen in der Fliegerei, auf Safaris in entlegenen Gebieten Afrikas oder als Reisender in abgeschiedenen Teilen der Erde haben ihn geprägt. Dementsprechend sind seine Romane, wie etwa ›Eisiger Horizont‹, ›Das Bugatti-Dossier‹ oder ›Phoenix from the Cold‹, meistens auch Spiegelbilder seiner Biografie.

Als Ideenlieferantin für das Konzept rund um die ›Lisa und Max‹-Bilderbücher sowie als Autorin der ersten fünf Bände dieser Kinderbuchserie tritt Anita Grüneis (1947) auf den Plan. Auch finden sich ihre Prosa- oder Lyrikveröffentlichungen in diversen Schriftenreihen und Anthologien, unter anderem in den Jahrbüchern des Literaturhauses Liechtenstein.

Mochten einige dieser Autorinnen und Autoren vor dem Jahr 2010 fast nur sporadisch veröffentlicht haben, so ist in den auf diesen Zeitpunkt folgenden Jahren eine auffällige Steigerung der literarischen Produktivität im Land auszumachen. Von ausschlaggebender Bedeutung hierfür sind mehre Faktoren: Zum einen verhalf der Siegeszug von Print-on-Demand-Angeboten vielen Schreibenden zur kostengünstigen Produktion ihrer Druckerzeugnisse, zum anderen bot die im van Eck Verlag herausgegebene ›Gedächtnisreihe Ludwig Marxer‹ einer Vielzahl an Jung- und Neuliteraten die Möglichkeit, ihre Debüttexte zu veröffentlichen. Ein Fanal zur Etablierung einer vernetzten heimischen Literaturszene war zweifellos auch die 2011 entstandene neuartige Veranstaltungsreihe eines Liechtensteiner Literatursalons in der Landesbibliothek in Vaduz, bei der weit über 100 Einzellesungen und über drei Dutzend Buchpräsentationen abgehalten wurden. Ein Großteil der Teilnehmenden gründete in der Folge den Autorenverband ›IG Wort‹.

Seither veröffentlichen liechtensteinische Schreibende regelmäßig in angesehenen Großverlagen im ganzen deutschsprachigen Raum – ihre Werke erscheinen unter anderem im Rotpunktverlag und bei Luchterhand, bei Leykam und beim Limmat Verlag, bei Gmeiner, Emons oder Knaur.

Der als Generalsekretär des PEN-Clubs Liechtenstein amtende Daniel Batliner (1988) tritt als Prosaist und Dramatiker in Erscheinung. Bekannt wurde er durch Auftritte der Comedy-Truppe ›Des Wahnsinns fette Beute‹. Des Weiteren ist er Autor des multimedialen Bühnenstücks ›Wodka Nicotschow‹ sowie von ›Einmal Oberland, bitte!‹, einer Komödie in vier Akten zum 300-jährigen Jubiläum des Liechtensteiner Oberlandes.

Mit ihren Jugenderinnerungen ›Irgendwie ist alles ein bisschen Sünde‹ weckt Christa Eberle-Feger (1948) bei ihrer an der Vergangenheit interessierten Leserschaft positiv-heimatliche Gefühle und lässt mit leiser Ironie die redensartlich gute alte Zeit wiederauferstehen. Im Folgeband ›Arm, fromm und bauernschlau‹ lässt Eberle-Feger starke Persönlichkeiten aus Liechtenstein zu Wort kommen, was ihr Buch zu einer anschaulichen Sozialgeschichte macht.

Um christliche Prägungen, um den Graben zwischen Stadt und Land und um die Zusammenhänge von Zeitgeist und Moralvorstellungen geht es in den Werken des als Journalist tätigen Anton Beck (1996). Sein Debütroman ›#Jugend‹ und der Erzählband ›Rassismus, Gender & Lillemor‹ weisen bereits in ihren Titeln auf die vorherrschenden Themen, die von Beck in erfrischend jugendlicher Sprache literarisch verarbeitet wurden.

Seit 2016 entführt Doris Röckle (1963) mit Schmökern wie ›Die Flucht der Magd‹, ›Die Spur der Gräfin‹ und ›Die Wehmutter vom Bodensee‹ ihre Leserschaft ins Mittelalter. Sie veröffentlicht ihre belletristischen Unterhaltungstitel bei zwei deutschen Publikumsverlagen: Bei Knaur erscheint Röckles auf mehrere umfrangreiche Bände angelegtes Projekt über das Alpenrheintal und seine Burgenwelt, während Emons ihre historischen Kriminalromane verlegt.

Die studierte Soziologin Anna Ospelt (1987) begann ihre monografische Publikationstätigkeit mit dem Porträtband ›Sammelglück‹, in welchem zehn Sammlerinnen und Sammler aus Liechtenstein vorgestellt werden. Die zweite Veröffentlichung der mit vielen Stipendien ausgezeichneten Autorin war ihr poetisches Prosadebüt ›Wurzelstudien‹. Als Initiantin des Jungen Literaturhauses JuLi sorgt Ospelt dafür, dass Kinder und Jugendliche mit Literatur in Berührung kommen.

Dass heimische Schreibende an renommierten Schreibschulen aufgenommen werden und im Anschluss im gesamten deutschsprachigen Raum reüssieren können, haben Simon Deckert und Benjamin Quaderer bewiesen, deren Erstlinge im Coronajahr 2020 erschienen. Während Deckert am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel immatrikuliert war, studierte Quaderer Literarisches Schreiben in Hildesheim und Wien.

Bereits vor und während seiner Studienzeit trat Simon Deckert (1990) als Autor, Mentor und Lektor in Personalunion in Erscheinung. Wurden seine Texte zunächst in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, so präsentierte er 2020 mit dem Roman ›Siebenmeilenstiefel‹ seine erste eigenständige Publikation. Neben seiner literarischen Tätigkeit ist Deckert auch als Singer/Songwriter unterwegs.

Einen von der Kritik hochgelobten Roman hat Benjamin Quaderer (1989) mit seinem Debüt ›Für immer die Alpen‹ geschaffen, mit dem er sich den Rauriser Literaturpreis sowie den Uwe-Johnson-Förderpreis für literarische Debüts erschrieb. Sein Buch, dessen Protagonist an den Hochstapler, Betrüger und Datendieb Heinrich Kieber angelehnt ist, wurde 2021 auch vom TAK Theater Liechtenstein und dem Staatstheater Mainz für die Bühne dramatisiert.

Was bleibt noch zu sagen? – Etwa, dass das Lesepublikum in Zukunft wohl einige Themen zu erwarten hat: Bankenkrisen, politisch motivierte Angriffe von außen, Datendiebe und Verfassungsdiskussion sind nur eine Handvoll der Motive, die das »Ländle« seinen Dichtern bietet und die der künstlerischen Verarbeitung harren. Die Liechtenstein-Literatur ist so lebendig wie nie zuvor, in einem großartigen Facettenreichtum, der von der Vielfalt seiner Interpretinnen und Interpreten geprägt wird. Aber die Themenwahl ist momentan einer gewissen Beliebigkeit unterworfen: Die heimischen Literaten schreiben Essays, Erzählungen, Romane und Gedichte, sind auf der Bühne und im Internet zuhause und üben sich in neuen literarischen Formen wie dem Poetry Slam oder dem Internet-Roman. Längst hat auch der »Vampirismus« Einzug gehalten, und inspiriert von Reihen wie ›Twilight‹ und ›Harry Potter‹ versuchen sich derzeit einige auch im Fantasy-Genre.

Welche Richtungen die Liechtensteiner Literatur schließlich einschlägt, von welchen Strömungen sie sich mitreißen lässt, welches ihre Themen sind, wird sich in den nächsten Jahren zeigen …

Veröffentlichungen eigenständiger literarischer Publikationen Liechtensteiner Autorinnen und Autoren der letzten Jahre

(Nachbemerkung: Oben stehende Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und umfasst vorerst lediglich die wichtigsten Vertreter und Strömungen der FL-Literatur, wobei die ab 2010 Publizierenden besonders hervorgehoben werden. Diese Literaturgeschichte wird laufend ergänzt und ist als ›Work in Progress‹ anzusehen.)